Der wissenschaftliche Blick auf die Krisen der Zukunft

Vortragsveranstaltung am 29. Mai 2021

Der wissenschaftliche Blick auf die Krisen der Zukunft – Was hat es damit auf sich?

Seit über einem Jahr leben wir nun in einer Krise. Dabei hat sich nicht nur unser Leben dramatisch verändert, sondern auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für die Wissenschaftler*innen, die solche Krisen erforschen. Seit einem Jahr verfolgen wir Infektionszahlen und Inzidenzwerte, also wissenschaftliche Daten, und beschäftigen uns mit neuen Erkenntnissen und den daraus abgeleiteten Folgen (für unser Leben). Wir nehmen als Laien an einem wissenschaftlichen Erkenntnisprozess teil – in diesem Fall im Bereich der Medizin und Virologie.

Wir haben uns nun gefragt: Was kommt nach Corona? Welche anderen Krisen erwarten uns in der Zukunft und was kann die Wissenschaft zu deren Lösung beitragen?

Diese Frage haben wir an zahlreiche Wissenschaftler*innen der Philipps-Universität Marburg geschickt und sie um ihre Einschätzungen gebeten: Welche Krisen kommen aus ihrer Sicht noch auf uns zu? Wie kann die Wissenschaft dazu beitragen, sie zu lösen? Und wie trägt die Forschung in Marburg dazu bei? Die Antworten auf diese Fragen sollen in allgemeinverständlichen Vorträgen vorgestellt werden. Die Besonderheit besteht darin, dass die Wissenschaftler*innen nicht bloß die Perspektive ihres eigenen Faches präsentieren, sondern sich mit Kolleg*innen aus anderen Fachgebieten zusammentun und einen gemeinsamen Vortrag erarbeiten.

Die Resonanz auf unsere Anfrage war so hoch, dass wir am 29.05.2021 einen ganzen Tag mit Vorträgen füllen können, an deren Erstellung 19 Marburger Wissenschaftler*innen aus elf Fachgebieten mitgewirkt haben. Zudem konnten wir zwei hervorragende externe Gäste für weitere Vorträge gewinnen.

Wir freuen uns über viele Gäste und laden Sie herzlich ein, die Vorträge in unserem Livestream anzuschauen.

Alle Informationen zur Teilnahme finden Sie hier: Teilnahme

Maik Schöniger und Nils Vief

Programm & Ablauf

Hier finden Sie das Programm, inklusive einer kurzen Beschreibung des Vortrags. Hier können Sie eine PDF-Version herunterladen.

11:00 Uhr

Begrüßung

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Maik Schöniger
(Chemie)
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Nils Vief
(Politikwissenschaft)

11:15 Uhr

„Körper und Demokratie“ – Zeigt sich eine Krise der normativen Überzeugungen in der Corona-Pandemie?

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Prof. Dr. Ursula Birsl
(Politikwissenschaft)
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Prof. Dr. Dr. Nadia Mazouz
(Philosophie)

Worum geht es?
Die Historikerin Hedwig Richter beschreibt die Geschichte der Demokratie als Geschichte des Körpers. Erst die Skandalisierungen von Leibeigenschaft, Armut, Prügelstrafen, Folter oder Krieg und die Forderung nach Gleichbehandlung von Frauen rück(t)en Forderungen nach körperlicher Unversehrtheit sowie nach Gleichheit aller Menschen ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die wiederum die Voraussetzungen für Demokratisierungsprozesse waren und noch sind. Krisen können diese Prozesse immer wieder neu befeuern, da sie Missstände und (unterschwellige) Transformationsprozesse offenlegen. Die historische Erfahrung zeigt aber auch, dass Krisen Demokratien gefährden können – vor allem auch dann, wenn eine politische Gesellschaft auf diese nicht vorbereitet ist, wie etwa in der gegenwärtigen Corona-Pandemie. Wir wollen die These besprechen, es habe einen Wandel der normativen Grundüberzeugungen dahingegen gegeben, dass dem reinen Überleben bzw. der körperlichen Integrität eines jeden Individuums ein absoluter Schutz gebührt – absolut in dem Sinne, dass völlig unklar ist, wie die Schutzgüter gegen andere abgewogen werden können. Wir wollen am Beispiel des politischen und gesellschaftlichen Umgangs mit der Corona-Pandemie diskutieren, wie diese Diagnose einzuschätzen ist, ob sie at face value zu nehmen ist oder ob sie ein Oberflächenphänomen bezeichnet, das andere normative Transformationen bloß verdeckt (oder auch pure Heuchelei ist). Wir wollen weiterhin die krisenhaften Implikationen eines solchen Wandels für die Demokratie (die auf Abwägungen angewiesen ist) thematisieren und die damit einhergehenden tieferliegenden normativen Transformationen.

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12:15 Uhr

Warum brauchen wir in Zukunft Artenvielfalt?

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Prof. Dr. Nina Farwig
(Biologie)
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Prof. Dr. Robert R. Junker
(Biologie)

Worum geht es?
Im Rahmen des Vortrags werden wir erläutern, warum Artenvielfalt für die Funktion und Leistung von Ökosystemen wichtig ist, wodurch die Artenvielfalt bedroht ist und wie Strategien aussehen, um die Artenvielfalt auf unterschiedlichen Skalen zu erhalten. Dazu werden wir anhand von Beispielen aus der Forschung das Zusammenspiel der Bedrohungen von der globalen bis zur lokalen Biodiversität erläutern und dabei auch aufzeigen, welche Rolle der Erhalt der Artenvielfalt für die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen und das menschliche Wohlbefinden hat.

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13:15 Uhr

Klimawandel, multiresistente Keime und ‚Last-Resort‘ Antibiotika – Was sind die Auswirkungen auf unsere Gesundheit?

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Prof. Dr. Stefan Bösner
(Medizin)
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Prof. Dr. Lennart Randau
(Biologie)

Worum geht es?
Während auf globaler Ebene die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels schon in vielen Ländern deutlich zu sehen sind, wächst bzgl. der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland erst langsam ein Bewusstsein dafür. Im ersten Teil des Vortrags wird auf verschiedene Erkrankungen eingegangen, die bedingt durch den Klimawandel in den kommenden Jahren vermehrt auftreten werden. Gerade in der breiten hausärztlichen Grundversorgung der Bevölkerung ist hier ein Perspektivenwechsel nötig, diese Erkrankungen bei der Diagnosestellung mitzuberücksichtigen.

Im zweiten Teil wird die Zunahme der Antibiotikaresistenz in bakteriellen Krankheitserregern beleuchtet. Die Entwicklung neuer wirksamer Antibiotika verläuft bedrohlich langsam und die Verbreitung resistenter Keime stellt eine Herausforderung für die medizinische Versorgung und Gesundheit der Bevölkerung dar. Alternativen zu herkömmlichen Antibiotikatherapien, zum Beispiel der Einsatz von Bakteriophagen oder CRISPR-Cas-Systemen, werden diskutiert.

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15:00 Uhr

Wasser – Ein Konfliktpotenzial der Zukunft?

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Prof. Dr. Peter Chifflard
(Geographie)
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Daniela Triml-Chifflard
(Sozialanthropologie)
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Prof. Dr. Jörg Bendix
(Geographie)
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Prof. Dr. Simone Strambach
(Geographie)
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Lea Spahn
(Sportwissenschaft)

Worum geht es?
Wasser wird in vielfältiger Weise genutzt und nimmt eine Reihe von Funktionen ein. Es ist Bestandteil des Landschaftsbildes, es ist aber auch ein Schadensfaktor, der in Form von Hoch- und Niedrigwasser oder Dürre die Landschaft verändert und zudem weitreichende wirtschaftliche Folgen haben kann. Für den Menschen ist es zwar in erster Linie als Trinkwasser von lebenswichtiger Bedeutung, doch auch für die Produktion von Nahrungsmitteln oder als Energieträger nimmt das Wasser eine hohe wirtschaftliche Funktion ein. Aus dieser wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen Sichtweise können sich eine Reihe möglicher Konfliktfelder ergeben, die vor allem die gleichgerichtete Nutzung von Wasserressourcen betreffen. Aber auch in kultureller und anthropologischer Hinsicht kann es rund um das Thema Wasser zu Konflikten kommen. So kann das Wasser in anderen Weltordnungen etwas anderes sein als eine reine ökonomische Ressource, wodurch es beim Zusammentreffen dieser unterschiedlichen Auffassungen von Wasser bei allen Fragestellungen, die eine gemeinsamen Nutzung des Wasser mit unterschiedlichen Wassernutzungspraktiken betreffen, zu Konflikten kommen kann. Daher ist es wichtig, beim Thema Wasser auch den Begriff Konflikt eindeutig zu definieren, im Hinblick auf eine zeitliche und räumliche Skala, aber auch auf tangible und intangible Werte. Der Vortrag wird bestehende und vergangene Konflikte zum Thema Wasser in dieser unterschiedlichen Art und Weise an verschiedenen Beispielen aufgreifen und versuchen, mögliche Szenarien für die Zukunft abzuleiten.

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16:00 Uhr

Beobachtungen am Nordpol – Was hat der Arktische Wandel mit uns zu tun?

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Prof. Dr. Antje Boetius
(Geomikrobiologie)

Worum geht es? Die Arktis ist die Region der Erde, die sich am schnellsten durch globale Erwärmung verändert. Klimamodelle lassen ein Verschwinden der sommerlichen Meereisbedeckung bereits in wenigen Jahrzehnten erwarten. Antje Boetius berichtet von neuen Beobachtungen in den eisbedeckten Nordmeeren und von den Auswirkungen des Klimawandels auf das Leben in der Arktis bis in die Tiefsee. Sie diskutiert den Zusammenhang der Entwicklungen mit der Dynamik von menschengemachten CO2-Emissionen wie auch den natürlichen Quellen und Senken von Treibhausgasen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die CO2-Emissionen zu betrachten, hilft zu verstehen, welche Schritte wirksamer Klimaschutz nun braucht.

17:00 Uhr

Kann Krise auch Chance sein? Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen bieten Krisen in ihrer Funktion als Innovationstreiber?

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Prof. Dr. Michael Stephan
(Wirtschaftswissenschaft)
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Prof. Dr. Susanne Maria Weber
(Erziehungswissenschaft)
Smiley
Prof. Dr. Simone Strambach
(Geographie)
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Prof. Dr. Dr. Thomas Brenner (Geographie)

Worum geht es?
Krisen helfen Widerstände und Barrieren gegen Veränderung zu überwinden. Der Druck in der Krise bewirkt Schub für Innovation und gesellschaftliche Transformation. Krisen in der Vergangenheit (z. B. die Finanzkrise 2008/2009 oder die Weltwirtschaftskrise der 1920er/30er Jahre) liefern vielfältige Beispiele dafür, wie aus Krisen Chancen erwachsen können, z. B. in Form technologischer Innovation, aber auch in Form gesellschaftlicher Transformation. Unterscheidet sich die aktuelle Covid-19-Krise von früheren Krisen? Welche konkreten Innovationsimpulse und Anstöße für gesellschaftliche Veränderungen liefert die gegenwärtige Krise? Es werden konkrete technologische Innovationsimpulse (z. B. durch Digitalisierung) sowie zivilgesellschaftliche Transformationsimpulse (z. B. durch New Work oder in Form von „PostCoronaStadt“) diskutiert und Ausblicke für die Zukunft gegeben.

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18:00 Uhr

Können die Erneuerbaren Energien unseren Energieverbrauch decken?

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Prof. Dr. Christian Holler
(Angewandte Naturwissenschaften)

Worum geht es?
Energie spielt für unseren modernen Lebensstil eine zentrale Rolle, aber die herkömmli­che Energiegewinnung ist auch die Hauptursache des Klimawandels. Doch wie viel Energie ver­brauchen wir eigentlich? Und könnten wir diese durch erneuerbare Quellen ersetzen? Im Vor­trag wird in gut verständlichen Zahlen unser Energieverbrauch dargestellt und das Potential der Erneuerbaren in Deutschland abgeschätzt.

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19:00 Uhr

Wie lassen wir die Krise der ‚imperialen Lebensweise‘ hinter uns und welche Zukunftsdiskurse eröffnen sich? Organisationspädagogische Perspektiven.

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Prof. Dr. Susanne Maria Weber
(Erziehungswissenschaft)
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Lea Spahn
(Sportwissenschaft)
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Marc-André Heidelmann
(Erziehungswissenschaft)
hülagü
Dr. Funda Hülagü Demirbilek (Politikwissenschaft)

Worum geht es?
In der aktuellen globalen Diskussion um die Krisen der Gegenwart und der Zukunft wird die Kritik an der ‚imperialen Lebensweise‘ formuliert. Diese stellt auch die Position des Menschen als Herrschers der Welt in Frage und fordert die Dekolonisierung des Verhältnisses zur belebten Mitwelt, zu den zukünftigen Generationen ebenso wie zu den weltweit Marginalisierten. Wie kann den vielfältigen Krisen sich global verschärfender Ungleichheitsverhältnisse entgegengewirkt werden und wie kann nicht nur die ‚Übernutzung des Planeten‘ verhindert werden, sondern eine nachhaltige Lebensführung und Postwachstum als Lebens- und Wirtschaftsweise etabliert werden? Wie also kann die Übernahme kollektiver Verantwortung für das globale ‘Gemeinwesen’ gelingen? Die Gruppe diskutiert diese Fragen aus organisationspädagogischer Perspektive.

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20:00 Uhr

Verabschiedung

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Maik Schöniger
(Chemie)
vief
Nils Vief
(Politikwissenschaft)